E-Sport ist ein Fake

Datum: 18.12.18

Seit dem Bekenntnis der Bundesregierung in der Koalitionsvereinbarung zur vollständigen Anerkennung von E-Sport als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht und zur Unterstützung bei der Schaffung einer olympischen Perspektive sieht sich der organisierte Sport trotz Beharrens auf seiner grundgesetzlich garantierten Autonomie einem gewaltigen Druck aus der gesamten Politik und der milliardenschweren Games-Wirtschaft ausgesetzt, Kernelemente seiner Identität aufzugeben.

Die Koalitionsvereinbarung machte sich inzwischen auch der Petitionsausschuss des Bundestages in einer Pressemitteilung am 21.11.2018 zu eigen und unterstreicht dort diese Forderung. In der Bundestagsdebatte am 8.11.2018 zu einem Antrag der Grünen-Fraktion sprachen sich alle Fraktionen von der AFD bis zur Linken für eine Aufnahme von E-Sport in den organisierten Sport und die Zuerkennung der Gemeinnützigkeit aus. Gleichzeitig platziert der Bund der Deutschen Games-Branche sein Konzept eines Deutschen Games-Fonds so erfolgreich im Bundeswirtschaftsministerium, dass die im Konzept geforderte Summe von 50.000.000 € umgehend bewilligt wurde.

Der DOSB und seine Landessportbünde, die Fachverbände und Sportvereine stehen also einem mächtigen Kartell aus Politik und Computerindustrie gegenüber in dem Bemühen zivilgesellschaftliche Strukturmerkmale zu verteidigen.

Zunächst: Der Sportbegriff ist weder sprachlich noch gesetzlich eindeutig definiert und abgegrenzt. Und somit ist er der Dehnung und des Missbrauchs ausgesetzt. So geschieht es aktuell durch die Games-Industrie. Es ist der heimtückische Versuch, Konnotationen von Computerspielen wie Bewegungsarmut, motorische Defizite, Spielsucht und Gewaltbegünstigung zu verharmlosen oder gar umzukehren, indem man den DOSB benutzen will, um den Menschen eines vorzumachen: Sport geht auch ohne Schweiß. Der aktive Sport jedoch ist ein Refugium für körperlich-seelisches Wohlbefinden gegenüber der digitalen Welt. Und das soll er auch bleiben.

Deshalb darf in den Wesensinhalten sportlicher Aktivität keine Vermischung zweier grundverschiedener Wirklichkeitsdimensionen stattfinden. Grindel hat Recht: Fußball findet wirklich nur auf dem grünen Rasen statt. Fifa 18 ist nur Schein-Fußball.

 

Aber was sind die eklatantesten Widersprüche zwischen dem organisierten Sport und der E-Games-Industrie?

Der organisierte Sport pflegt korporative, demokratische, gemeinwohlorientierte Organisationsstrukturen, deren Entscheidungsfindung auf eine von unten nach oben durchgehende Legitimationskette beruht. Vereine und Verbände sind somit die DNA unserer Demokratie. Im krassen Gegensatz dazu ist die E-Games-Branche ausschließlich kommerziell aufgestellt, von wirtschaftlichen Interessen geleitet. Die Mitsprache des Publikums besteht höchstens darin sich für das aufregendere Killerspiel zu entscheiden. Eine Vermischung beider Organisations- und Funktionsprinzipien ist für die Selbstorganisation des Sports systemgefährdend.

Sinn und Zweck des Vereinssports ist besonders für Kinder und Jugendliche das Heranführen an eine lebenslange Eigenaktivität, zum Zwecke der Persönlichkeitsentwicklung und dauerhafter Gesunderhaltung. Darauf will zum Beispiel die Offensive Kinderturnen des Deutschen Turner-Bundes aufmerksam machen. Mit dem Kinderturnen lernt man das Bewegungs-ABC für viele sich anschließende Bewegungsformen und Sportarten. Eine solche Offensive gegen Bewegungsarmut wird durch Computerspiele mit ihrem extrem hohen Reizwert und der damit verbundenen Suchtgefahr konterkariert. Eltern, die ihre Kinder aus erzieherischer Verantwortung in den Sportverein schicken wollen, laufen mit ihrer Absicht ins Leere, wenn die Kinder dort auf den gleichen Zeitvertreib treffen wie zu Hause oder bei Freunden.

Auf diese Widersprüche bietet der E-Sport-Bund Deutschland (ESBD) keine Antwort. Worauf kommt es ihm wirklich an? Auf ein vielversprechendes Geschäft durch das Eindringen in neue Sozialräume, nämlich in die Kinder- und Jugendarbeit von Sportvereinen. Die Games-Industrie will den organisierten Sport haben, dieser braucht aber keine Computerspiele.

Nicht zuletzt machte ich den Selbstversuch und habe mich zwei Stunden vor League of Legends und Fortnite gesetzt. Und mit einer virtuellen (Schuss)Waffe vor mir auftauchende hominoide Figuren umgeballert. Ehrlich gesagt: Ich kam mir blöd vor. Es ergab für mich keinen Sinn.

 

St.Georgen, 25. Nov 2018

Gerhard Mengesdorf
(Präsident des Badischen Turner-Bund e.V.)

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